Strategie zum Durchhalten

Michaela Renner-Schneck ist in ihrem Motivationsartikel den vielen Trainingsausreden auf der Spur und warum es mit machen Einheiten nicht so gut klappt . 

Es ist Ende Februar. Die Neujahrsvorsätze sind inzwischen unter einer kuschelig warmen Schicht Realität beerdigt und bis Frühlingsläufe und kurze Röcke ein erhöhtes Fitnesslevel einfordern ist es noch eine Weile hin. Es ist nicht immer einfach, in dieser motivationstechnischen Sauren-Gurken-Zeit, sein Trainingsziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Oft hangelt man sich von Einheit zu Einheit, das Aufwärmen dauert immer länger und die ständigen Wetter bedingten Kompromisse bei den Trainingsinhalten nagen zunehmend am Nervenkostüm – und ja, eine Trainingseinheit einfach sausen zu lassen, ist nicht mehr nur Option, sondern inzwischen schon des Öfteren Realität geworden. Ein Trainingslager in der Sonne könnte helfen – allerdings ist Urlaub gerade leider nicht drin. Ab und an ertappt man sich bei dem Gedanken: “Ach komm lass es einfach heute bleiben.”

All jenen, denen diese Situation nur all zu bekannt vor kommt, möchte ich mit diesem Artikel einen kleinen Motivationsschub verpassen.

Trainingstagebuch führen und analysieren

Das Motivations-Instrument schlechthin um sich einigermaßen fit durch einen langen Winter zu retten ist, wie ich finde, das gute alte Trainingstagebuch. Vermutlich greift dazu zwar heutzutage fast niemand mehr tatsächlich noch zu Papier und Stift, aber im Grunde ist das Auslesen eures Trainingscomputers und die anschließende Auswertung in die Trainingsanalyse-Software eures Vertrauens nichts anderes. Es ist nicht einmal ein großer Extraaufwand. Damit euer Trainingstagebuch aber seinen Zweck als euer persönlicher Motivator erfüllen kann, ist es wichtig, dass ihr die Daten nicht einfach nur irgendwo abspeichert und nie mehr anschaut, sondern dass ihr euch einige Minuten Zeit nehmt und eure Trainingseinheit analysiert oder sie zumindest mit einigen Stichworten kommentiert und, ganz wichtig, auch festhaltet, wann und warum eine Trainingseinheit auch mal nicht stattgefunden hat oder abgebrochen wurde. Wenn ihr dann in eurem Training an einen Punkt gelangt, an dem ihr mit eurer Trainingsdisziplin hadert oder zweifelt, dass das, was ihr da so treibt überhaupt einen Sinn ergibt, dann können euch diese Aufzeichnungen ungemein dabei helfen, euch höchst persönlich selbst aus diesem Motivationsloch herauszuziehen.

Eine ehrliche Selbstanalyse durchführen

Mir persönlich hilft es am besten, wenn ich dabei ganz methodisch vorgehe und mich zunächst ganz allgemein frage: Mit was genau war ich unzufrieden? Habe ich etwa zu oft eine Einheit ewig vor mit her geschoben oder gar sausen lassen? Oder bin ich einfach nicht richtig in die Gänge gekommen und einfach vor mich hin geschlappt statt effektiv zu trainieren? Wenn ich dann weiß, was mich stört, frage ich nach dem warum: Habe ich vor allem Einheiten am Morgen ausgelassen, weil ich nicht aus dem Bett gekommen bin? Habe ich mich vor allem, wenn eine harte Einheit anstand, in Ausreden geflüchtet? Oder hat es tatsächlich immer gregnet, wenn ich zu einem langen Lauf aufbrechen wollte?

Diese ehrliche(!) Selbstanalyse zwingt einen – im Grunde schon beim Aufschreiben im Trainingstagebuch dazu, sein Training zu reflektieren, und ermöglicht es einem, mit etwas Abstand identifizieren zu können, welche Verhaltensmuster oder äußeren Umstände das Training sabotieren. Psychologen würden jetzt sagen, man übernehmt auf analytischer Ebene Verantwortung für sein Handeln und schafft so die Basis für eine rational gesteuerte Handlungsoption. Vereinfacht ausgedrückt: Es nervt euch, vor euch selbst zugeben zu müssen, dass ihr zu faul, müde, gestresst oder was auch immer wart, um zu trainieren und ihr beschließt, dass das nicht mehr vorkommen soll.

Strategievorschlag

Durch eure Selbstanalyse habt ihr eure ganz persönlichen Baustellen entdeckt – jetzt gilt es diese zu “bearbeiten”. Solltet ihr zum Beispiel festgestellt haben, dass sich immer irgendein Termin oder eine private Verpflichtung zwischen euch und euer Training drängt. In diesem Fall hilft es vermutlich, die Einheiten zu solchen Zeitpunkten einzuplanen, an denen die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass jemand etwas von euch will. Das könnte zum Beispiel gleich am Morgen sein. Plant am besten am Anfang jeder Woche, wann ihr welche Einheit machen wollt – und, ganz wichtig, orientiert euch dabei an einer durchschnittlich stressigen Woche und nicht an eurem Optimalfall-Wunschdenken. Wenn es dann so richtig rund läuft, könnt ihr immer noch spontan eine Bonus-Einheit einschieben, das fühlt sich allemal besser an, als immer an den eigenen Ansprüchen zu scheitern.

Motivationslöcher meistern

Ist euer Problem aber vielleicht gar nicht terminlicher Natur, sondern musstet ihr euch viel mehr eingestehen, dass ihr euch beim schlechten Wetter einfach nicht zu einem harten oder langen Training draußen motivieren könnt – oder ihr es zwar versucht habt, aber dabei einfach nicht in die Gänge gekommen seid? Nun in diesem Fall lautet mein Tipp: Falls ihr nicht gerade mitten in der Vorbereitung auf einen Frühlingslauf als Saisonhöhepunkt seid, gesteht euch einfach auch mal ein bisschen Schwäche zu und zwingt euch nicht ständig. Es kommt im Endeffekt nicht darauf an, ob und wie viele Tempointervalle ihr wie schnell im Februar schon machen konntet, sondern darauf, dass ihr den ganzen Winter hindurch ein kontinuierliches, sinnvolles Training durchgezogen habt. Motivation ist nun mal wetter- und temperaturabhängig – geht deshalb pfleglich mit ihr um und verschwendet sie nicht in Dunkelheit und Kälte an sinnlose Quäleinheiten. Ihr werdet sehen, die Sonne im Frühling lädt euch ganz von allein wieder zu  langen Trainingseinheiten ein und treibt euch zu Höchstleistungen an. Und wer, wie ich, den Testosteron-gesteuerten Teil seiner Persönlichkeit nicht ganz verleugnen kann dem will ich noch folgende Frauen-Strategie mit auf den Weg mitgeben: Wenn Strava, Garmin-Express und Co euch stressen, dann schaut einfach nicht rein – der Online Community ist es nämlich herzlich egal, ob ihr euch im Februar ausbrennt. Euch dagegen ganz und gar nicht, wenn ihr die Lust auf Training im März nicht mehr entzünden könnt.

In diesem Sinne, Augen zu und durch oder frei nach Guns ‚n’ Roses:
“Nothing lasts forever even cold November rain!” (ok, in dem Fall eher February) rain.

Herzliche Grüße von der
Rennschnecke

 

Michaela Renner-Schneck ist Botschafterin des tritime women-Teams. Sie ist seit 15 Jahren aktive Triathletin und konnte bereits viele Top-Ten-Platzierungen im Gesamtfeld bei Ironman- und Ironman 70.3-Rennen feiern. Zudem besitzt Michi einen Triathlon-C-Trainierschein (Leistungssport). Mehr Infos über sie auf ihrer Homepage.