Brustkrebs und was nun?

Gib Brustkrebs keine Chance

Ulla Chwalisz ist Triathletin und setzt sich beim hessischen Triathlonverband für den Frauensport ein. Im Frühjahr wurde sie aus heiterem Himmel mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert.

Nach einer Routineuntersuchung Anfang März 2017 lautete die Diagnose „Mammakarzinom“ zu deutsch Brustkrebs. Abgemildert wurde der Schreck durch den Zusatz, dass es sich um einen kleinen Befund handle. Da ich weder mit dem Befund noch mit dem Ausmaß der Erkrankung etwas anzufangen wusste und in keine emotionale Falle tappen wollte, ließ ich mir von den Ärzten das Wichtigste erklären. Die Empfehlung zur Behandlung lautete: Operation mit anschließender Strahlenbehandlung und medikamentöser Hormonausleitung über mehrere Jahre. Das Standardprogramm also zur Standarddiagnose. Nachdem meine anfängliche Gegenwehr mangels Fachwissen nichts fruchtete, fügte ich mich dem Unvermeidlichen.

Ulla beim Laufen am Strand

Brustkrebs im März –
Beilngrieser Triathlon im August

Im März war ich bereits beim Beilngrieser Triathlon angemeldet. Nachdem ich üblicherweise konditionell träge aus den Wintermonaten komme und außerdem immer nach Wettkämpfen mit flachen Radstecken schaue, schien die Olympische Distanz in Beilngries für mich die ideale Veranstaltung zu sein.

Als im März die Maschinerie rund um die Erkrankung angeworfen wurde, war selbst von einer „trägen Kondition“ bald keine Rede mehr. Hinzu kommt eine Schwäche im linken Knie wegen fehlendem Außenmeniskus. Das ist so seit 45 Jahren und löst sich auch nicht in Wohlgefallen auf, ist aber auch kein Grund für mich, nicht Sport zu machen.

Jetzt erst recht …

…  sagte ich mir und bewegte mich weiter, soviel mein Befinden zuließ. Das Trainingspensum bestand aus gelegentlichem Joggen, ab und an ein paar Kilometer Radfahren und ein paar Schwimmeinheiten im Freibad. All das natürlich immer mit Rücksicht auf den Heilungsprozess, die Narben und mögliche Infektionsgefahren. Dazu machte ich parallel Krafttraining und Physiotherapie, um den muskulären Abbau etwas in Schach zu halten.

Gleich nach der Operation Anfang April habe ich den jährlichen Grundlagen-Workshop für Triathlon Einsteigerinnen beim Hessischen Triathlonverband abgehalten. Mein Mann Stefan Pohl und unser Haupt-Referent und Trainer Philip Scheller haben wie immer den Inhalt gestemmt, während ich für das Organisatorische verantwortlich war. Natürlich hätte es auch ohne mich geklappt, aber ich wollte selbst für „meine Mädels“ dasein.

Als kleines Highlight habe ich ein paar Tage vor dem Event entschieden, beim Welt-Kulturerbe-Lauf in Bamberg über zehn Kilometer an den Start zu gehen. Der Lauf am letzten April-Wochenende findet jedes zweite Jahr statt und das Ambiente in der malerischen Innenstadt ist zurecht berühmt. Da der Lauf sehr stark von Freizeitsportlern besucht wird, brauchte ich mir keine Gedanken machen, ob ich wohl irgendwann alleine auf der Strecke wäre.

Im Urlaub in Südfrankreich kam im Mai ein „course nature“ über 13 Kilometer in sengender Hitze dazu. Oje, danach konnte ich wirklich kaum mehr geradeaus gehen. Egal, geschafft ist geschafft. Die Freude darüber, überhaupt zu laufen und mich unter sportlichen Mitstreitern zu bewegen, war mir das Wichtigste.

Zurück in Deutschland ergab sich die Gelegenheit, in Forchheim oberfränkische Meisterin in der Altersklasse über die Sprintdistanz zu werden. Na dann! Klar, die Medaille gab es nicht geschenkt. Wieder brannte der Komet und zog jedes Tröpfchen Wasser aus den Zellen.

Als Anfang Juli vor der Challenge Roth am Samstag die CallengeForAll angeboten wurde, war ich gleich angemeldet. Eine wirklich sehr schöne Veranstaltung für Einsteiger, in einem tollen Ambiente und auf einer nahezu perfekten Strecke, vor allem – wichtig! – mit einfacher Radstrecke.

Bestrahlungstherapie und neue Aufgaben

Danach war erstmal Schluß mit sportähnlichen Anstrengungen, denn die Bestrahlung startete. Ulla beim Beilngries TriathlonVier Wochen waren geprägt vom täglichen Krankenhausbesuch, die moralisch und energetisch schwer an meinen Kräften zehrten. Da ich mich nicht für Spaziergänge erwärmen kann, habe ich mir eine kleine Aufgabe zurechtgelegt – die Gestaltung eines systematischen Trainingsplans für zwei Läuferinnen, von denen eine diesen Herbst einen Marathon mit neuer Bestzeit laufen möchte. Die Trainingseinheiten konnte ich zu Fuß auf der Bahn oder auf längeren Strecken mit dem Rad begleiten. Als persönlicher Coach habe ich die Zeiten kontrolliert und zu allen Fragen über Technik, Umfänge oder Ausrüstung Tipps gegeben und die Testwettkämpfe ausgewählt. Auf die Weise hielt ich meine Selbstwahrnehmung auf einem sportlichen Niveau, selbst wenn ich nichts von dem, was ich predigte, vormachen konnte.

Ansonsten durfte ich jeden Tag etwa eine Stunde Krankenhaus-Atmosphäre “geniessen” und musste stinkende brennende Farbe auf dem Oberkörper, Apparate-Technik die einen surrend und piepsend umkreist, ertragen. Und zudem mit meinen Fragen, die keiner beantwortet, klarkommen:  Was dringt da eigentlich in den Körper ein? Wird es heilen oder zerstören? Wann ist es wirklich vorbei? Ich neige nicht zu Selbstmitleid, deshalb habe ich mich nur über die absolut nötigen Eckdaten informiert. Bezüglich meiner Gesundheit bin ich seit Jahrzehnten ein Freak: was ich für richtig halte, ist vielen zu strikt und kategorisch. Das heißt aber auch, ich kenne die Stellschrauben und weiß sie anzuziehen, wenn man mich lässt. Und das ist es, was ich niemals aus der Hand gebe.

Plötzlich war es Ende August und das Rennen in Beilngries stand vor der Tür. Seit die Bestrahlung zu Ende ist, robbte ich mich Tag für Tag etwas näher an größere Umfänge beim Schwimmen, Radfahren und Laufen heran. Ich war mir lang nicht sicher, ob ich es wirklich wagen sollte, auf der olympischen Distanz zu starten. Kurz hatte ich überlegt, auf die kürzere Sprintdistanz zu wechseln, mich dann aber dagegen entschieden, wohlwissend, dass ich vielleicht als einer der letzten Starter ins Ziel kommen könnte. Die Freude darüber, dass ich allerdings starten konnte, war mir mehr wert, als jede Platzierung.

Das gönne ich mir jetzt!

Ende August war es soweit, ich stand an der Startlinie des Beilngrieser Triathlons und ich habe es geschafft. Selten war ich so stolz und zufrieden mit einem Triathlon-Finish wie nach diesem Wettkampf. Das Ergebnis ist zwar nicht der Rede wert. Für mich bedeutet es allerdings sehr viel  … es gibt mir sehr viel Zuversicht und ich schmiede bereits die nächsten Pläne.

 

Text: Ulla Chwalisz
Aufmacherfoto: fotolia/vectorfusionart
Fotos: privat und Ruth Stallmann

 

 

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