Halbmarathon im Nahen Osten

tritime women-Botschafterin Luisa Keller berichtet von ihrer Reise zum Halbmarathon nach Tel Aviv und wie sie Israel kennen und lieben gelernt hat.

Nachdem ich mich in einem „schwachen Moment“ für den Ironman Klagenfurt 2017 angemeldet habe, ging es bereits im vergangenen Oktober mit der Saisonvorbereitung los. Nach einem Jahr Triathlon-Pause bin ich hochmotiviert und die Leidenschaft für meinen Sport lodert wieder wie ein Feuer in mir. Anders gesagt: Ich kann´s einfach nicht lassen und habe noch eine Rechnung mit der Langdistanz offen … Ich greife noch mal an!

Der Plan für das Frühjahr ist, jeden Monat einen Wettkampf in Form eines Laufes zu machen, um den „Motor durchzuputzen“. Meine erster Lauf führt mich nach Israel. Natürlich nehme ich die vier Flugstunden nicht bloß wegen des Rennens auf mich, sondern ich möchte auch das Land, die Menschen und Kultur kennenlernen. Ich verbinde Sport mit Urlaub. Was gibt es besseres?!

Israel – ist es da gefährlich?!

Die häufigste Reaktion meiner Freunde, denen ich von der Reise berichte, war: „Israel, ist das nicht gefährlich, hast du keine Angst?!“ Nein, habe ich nicht. Und die muss man auch nicht haben. Israel gilt derzeit als sicher, lediglich von Reisen in den syrischen Grenzbereich wird abgeraten. Aber natürlich ist es vor jeder Reise empfehlenswert, sich zu informieren – über Einreisebestimmungen und die Sicherheitslage im Land. Das macht man am besten im Internet auf der Homepage des Auswärtigen Amtes. Dort erhält man über sämtliche Länder dieser Welt Hinweise auf Gefahren oder aktuelle Reisewarnungen.

Kulturschock in der Multi-Kulti-Stadt Tel Aviv – Fehlanzeige

Bereits im Flugzeug bekomme ich eine koschere Mahlzeit serviert. Neben mir sitzt ein orthodoxer Jude, der optisch sehr befremdlich auf mich wirkt. Die Spannung in mir steigt, was erwartet mich?


In Tel Aviv angekommen stellt sich schnell heraus, dass diese Stadt bunter ist als Köln am Christopher Street Day. An der Strandpromenade tummeln sich Sportverrückte, Hippster, Hundeliebhaber, Musikanten, Jung und Alt, Einheimische und Ausländer. Für Homosexuelle gibt es einen eigenen Strandabschnitt, an dem sich Gleichgesinnte treffen. Für religiöse Menschen gibt es einen von der Öffentlichkeit abgeschirmten Bereich, in dem Frauen und Männer getrennt von einander die Sonne und das Meer genießen können. Die Menschen sind weltoffenen, modern und liberaler als ich es mir vorgestellt habe.

Tatsächlich gibt es nicht nur koscheres Essen – nur 20 Prozent der Juden sind orthodox und streng gläubig. Israel stellt sich als Eldorado für meinen Sportler-Gourmet-Gaumen heraus. Besonders Vegetarier und Veganer fühlen sich hier wie im kulinarischen Schlaraffenland. Auch das Nachtleben hat einiges zu bieten, allerdings will ich mir das für die After-Race-Party aufheben. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen …

Tel Aviv – der „Venice Beach“ des Nahen Ostens

Bei meinem ersten lockeren Lauf am Meer wird mir sofort klar: die Israelis sind ein sportliches, aktives Volk. Schon morgens um 6 Uhr sind so viele Jogger und Radfahrer unterwegs, wie beim Winterschlussverkauf Shoppingwütige im H&M. Alle hundert Meter befindet sich ein Open Air Gym, wo fleißig gepumpt oder Stabi-Übungen am TRX gemacht werden. Als ich am Gordon Pool vorbei komme, explodiert mein Triathletenherz schier vor Freude. “Cool, ein 50-Meter-Freibad mit Salzwasser aus dem Meer direkt am Hafen.

Am nächsten Morgen treffe ich mich mit Reut Reuveni. Sie lebt in Tel Aviv und ist eine echte Powerfrau – berufstätig und Mutter von zwei Kindern. Vor einigen Jahren hat die Israelin mit ihren Freundinnen beschlossen, den Paris Marathon zu laufen. Die Mädels begannen gemeinsam mit dem Training, um sich auf ihr großes Vorhaben vorzubereiten. Dies teilten sie per Instagram mit der Welt. Der Account “Roco Runs” hatte schnell zahlreiche Abonnenten. Auf diesem Weg bin auch ich auf sie aufmerksam geworden und verfolge ihre Laufbewegung, mit der sie andere Frauen zum Sport treiben motiviert und so viel ansteckende Freunde über ihre Fotos vermittelt. Wir starteten zu einem Urban Run durch die Stadtteile Jaffa und Florentin. Reut zeigt mir ihre Laufstrecke und ich bekomme eine einzigartige Sightseeing-Tour geboten. Die Stadtteile sind total hipp und alternativ, an den Wänden ist ein Graffiti-Kunstwerk nach dem anderen, der Rothschild-Boulevard ist gesäumt von coolen Bars und lässigen Cafés. Ich bin beeindruckt!
Reut berichtet mir auch von ihrem neuen Projekt, „My Startline – women run the world“. Sie will so viele Frauen und Mädels wie möglich aktivieren, mit dem Laufen zu beginnen oder weiter zu machen, wenn sie schon dabei sind. Am Weltfrauentag starten alle gemeinsam von überall in Israel an ihrer persönlichen Startlinie. Ganz egal, wo sie sich befinden und ganz egal, wie weit sie laufen. Jede, wie sie kann und möchte, ob das 1 Meter ist oder 100 Kilometer – ganz egal. Ziel ist es, Spaß zu haben, dies zu teilen und gemeinsam auf 40.075 km (ein Mal um die Erde) zu kommen. Eine gute Idee und eine tolle Botschaft wie ich finde.

Der Halbmarathon und der frühe Vogel

Um vier Uhr klingelt der Wecker, Patze (meine Freundin und Supporterin) liegt im Bett neben mir. Ich mache das Licht an und wir stimmen synchron wegen der grässlichen Helligkeit mitten in der Nacht in ein Schreien ein. Das wiederum löst einen weibischen Lachflash aus und wir sind hellwach und der frühe Vogel kann uns rein gar nichts mehr.

Nach dem Frühstück machen wir uns zur Startlinie auf. Es ist noch stockfinster. Ironmanfeeling kommt auf – da läuft man sich gefühlt auch Mitten in der Nacht warm.

Auf dem Marathon-Expo-Gelände finde ich mich nicht wirklich zurecht, weil alle Hinweisschilder auf Hebräisch sind. Was solls, die Läufer haben alle das gleiche Ziel, deswegen gehe ich ihnen einfach hinterher und finde so auch den Start.

…עשר, תשע , שמונה …. Um 6 Uhr fällt der Startschuss. Das Runterzählen des Countdowns auf hebräisch stellte keine sprachliche Barriere dar. Ich habe kapiert, dass es los geht, als die Masse sich in Bewegung setzt. Es ist gerade erst hell geworden. Die Temperatur beträgt circa 16 Grad. Für den Israeli perfekt, wegen mir könnte es etwas wärmer sein.

Der Plan heißt, einen „sicheren“ Halbmarathon zu laufen. Ohne verrücktes, kopfloses Gerase am Anfang. Mein Coach meinte auf keinen Fall schneller als eine Pace von 4.15 Minuten auf den Kilometer … unter 1:30 Stunden hatte ich mir vorgenommen. Ich fühle mich gut und bin immer einen ticken schneller als die vorgegebene Geschwindigkeit. Der Puls ist ok.

Der Kurs führt am Hafen, durch viele Stadtteile bis nach Old-Jaffa, über den Rothschild Boulevard, am Markt vorbei. Alle 3 Kilometer gibt es Wasserstationen und bei Kilometer 14 auch noch Energiegels. An der gesamten Strecke steht die Armee schwer bewaffnet. Das ist für uns Europäer zunächst ungewohnt, in Israel aber alltäglich. Hier wird jeder verpflichtet, egal ob Mann oder Frau und die Soldaten gehören zum normalen Stadtbild. Sie stehen auch an der Falaffelbude auf dem Markt und Essen dort zu Mittag oder sitzen gemeinsam im Café und machen eine Pause.

Zurück zum Lauf: Alles läuft gut bis Kilometer 16. Plötzlich habe ich das Gefühl, dringend auf Toilette zu müssen. Toll. Stadtkurs. Keine Büsche in Sicht, hinter denen ich mich verstecken könnte. Ich beisse mir auf die Zähne und versuche, nicht mehr daran zu denken. Das ist ungefähr so, wie wenn jemand sagt: „Stell dir jetzt keine rosa Elefanten vor.“

Nach einer Zeit von 1:26:37 h überquere ich die Ziellinie und bin sehr zufrieden. Besser hätte der Leistungstest am Saisonbeginn für mich nicht laufen können. Erst ein paar Stunden später, als ich zurück im Hotel bin und wieder Wifi habe, erfahre ich von meiner Fanbase at Home (meiner Familie), die  am Live-Ticker mitgefiebert hat, dass ich auf dem zweiten Gesamtplatz bei den Frauen gelandet bin. Erster Wettkampf, erstes Podium und geile Zeit – PERFEKT!

Nach dem Halbmarathon starteten die Marathonläufer sowie ein 10 Kilometer-Lauf. Insgesamt ist der Tel Aviv Marathon eine recht große Veranstaltung mit rund 30.000 Teilnehmern. Die Stimmung ist wahnsinnig gut und locker.
Im Ziel warte ich auf Tanja Griesbaum, die ich bei der Ankunft in Israel direkt am Flughafen kennengelernt habe. Sie ist Leichtathletin aus Karlsruhe und eigentlich auf den kürzeren Strecken zuhause. In Tel Aviv hat sie ihr Marathon-Debüt gegben und ist direkt als dritte Frau mit einer Zeit von 2:50 Stunden ins Ziel gelaufen. Wahsinn!

Die After-Race-Party kann starten….

„In Haifa wird gearbeitet, in Jerusalem gebetet, in Tel Aviv gefeiert!“

Das ist ein israelisches Sprichwort. Und was Tel Aviv betrifft, kann ich es nur bestätigen. Man hat den Eindruck, sich auf einer Non-Stop-Party zu befinden. Nicht nur nachts, auch tagsüber in den vollen Straßenkneipen essen, trinken und singen die Menschen gemeinsam. Das Leben findet draußen statt.

Nach den paar Tagen in der Metropole reise ich noch nach Massada, in die Wüste, ans Tote Meer und nach Jerusalem. Das Gefühl, im Toten Meer zu baden ist unbeschreiblich. Man treibt, ohne sich anstrengen zu müssen, an der Wasseroberfläche. Das salzige Wasser gibt einen krassen Auftrieb – diese Wasserlage wünscht sich jeder Triathlet!

In Jerusalem treffen verschiedenste Kulturen und Religionen zusammen und man hat das Gefühl, sich mitten in einem Geschichtsbuch zu befinden. In den engen Gassen der Altstadt stößt man auf ein Gewusel von Christen, Moslems, Juden, Armenier, Touristen, Einheimischen. Die Stadt lebt, die verschiedenen Eindrücke überschwemmen die Sinne. Es gibt unendlich viel zu entdecken.

Fazit: Meine Reise zum Halbmarathon nach Israel hat mir einen durchweg positiven Eindruck von einem wundervollen Land mit einer offenen, gastfreundlichen Bevölkerung verschafft. Ich werde wieder kommen, da bin ich mir sicher.

Wenn ihr auch Lust auf Israel bekommen habt, kann ich folgende Wettkampftipps geben:

– Jerusalem Marathon am 17.03.2017
– Womens Triathlon Herzliya am 27.05.2017
(Sprint-OD)
Wüstenmarathon Eilat am 17.11.2017
– Red Sea Swim Cup
Januar 2018 (Open Water Swim, 500m, 1,5km, 5km, 7,5km)
Israman Eilat 24.-27.01.2018 (Triathlon Lang- und Mitteldistanz)
Tel Aviv Marathon 02.2018 (10km, Halbmarathon, Marathon)

Text: Luisa Keller
Fotos: Shvoong.co.il und privat

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