Ötillö Egadin: SwimRun durch Bergseen

Ötillö Engadin 2018

Schwimmen, Laufen, Repeat – das ist die Kurzversion von SwimRun- oder Ötillö-Rennen gepaart mit spektakulärer Natur und internationalen Teilnehmerfeldern.

Ötillö Rennen gibt es erst seit 2006, doch die noch junge Sportart findet immer mehr begeisterte Anhänger, die das besondere Rennformat zwischen laufen und schwimmen ausprobieren wollen und sich vom Ötillö-Virus infizieren lassen. Doch was genau ist es, das SportlerInnen auf der ganzen Welt an dieser doch ein klein wenig „verrückten“ Sportart fasziniert. Und ist sie wirklich so „verrückt“, wie man als Außenstehender vielleicht den Eindruck bekommen kann? Denn ein bisschen merkwürdig erscheint es im ersten Moment schon, mit Laufschuhen durchs Wasser zu schwimmen und im Neoprenanzug die Trails und Laufstrecken zu meistern.

Was fasziniert an Rennformaten wie dem Ötillö?

Antworten auf all die Fragen findet man am einfachsten, wenn man sich selbst an die Startlinie  stellt, die Herausforderung annimmt und das Erlebnis Ötillö hautnah miterlebt. Und so meldeten wir auch in diesem Jahr wieder ein tritime women team. Für Meike war es nach ihrem erfolgreichen Abschneiden im letzten Jahr mit Judith bereits die zweite Teilnahme am Ötillö  SwimRun Engadin – für mich sollte es die Premiere werden. Zugegeben, auch ich musste beim Gedanken daran im Neoprenanzug und Bademütze durch die Engadiner Bergwelt zu rennen und mit Trailschuhen an den Füssen durch die Bergseen zu schwimmen ein wenig schmunzeln und konnte mir nicht wirklich vorstellen, wie sich ein solcher Wettkampf wohl anfühlt. Aber meine Neugier war groß und wenigstens einmal wollte ich an einem Ötillö teilnehmen.
Um es vorwegzunehmen, faszinierend ist sicher die internationale familiäre Atmosphäre, die dem Rennen einen ganz besonderen Charakter verleiht, die Herzlichkeit unter den Sportlern und den Organisatoren.

Ötillö Engadin – der alpine SwimRun

Worin genau liegen die Herausforderungen, denen man sich beim Ötillö Engadin stellen muss? Das Engadin ist ein Hochtal auf 1.800 Metern über dem Meeresspiegel in der majestätischen Bündner Bergwelt. Weiße Gletscher ragen in den Himmel, imposante Berg- und Felsmassive umgeben die Hochebene, zwischen denen sich aneinandergereiht einige gletscherwasserfarbige Bergseen befinden. Einen Ötillö, mit seinen Schwimm- und Laufstrecken, in dieser im wahrsten Sinne atemraubenden Szenerie gemeinsam zu bewältigen, stellt an für sich bereits eine Herausforderung dar. Sich in dieser Höhe zu bewegen und an die persönlichen Grenzen zu gehen ist eine besondere Anforderung. Auch die mit 10 bis 13 Grad kalten Bergseen zu durchschwimmen ist eine anspruchsvolle Aufgabe an die AthletInnen. Man sollte daher schon etwas kälteresistent sein oder zumindest sollte einem kaltes Wasser nichts ausmachen.

Der ÖTILLÖ SwimRun Engadin bietet zwei Strecken an:

Die Sprintdistanz mit gesamt 16,8 km aufgeteilt in 14,2 km Laufen (mit Distanzen zwischen 640 m bis 6.500 m) und 2,6 km Schwimmen (mit Abschnitten von 325 m bis 830 m) und die SwimRun World Serie mit 45,7 km Gesamtlänge, davon 39,8km Laufen (555 m bis 8 400 m) gespickt mit 1.570 hm, und 5,9 km Schwimmen, welche die Länge von 270 m bis 1.400 m haben.

Im Vorfeld schwankten wir bezüglich der Streckenwahl – sollten wir die Sprintdistanz über 14,6 km Laufen und 2,6 km schwimmen bestreiten oder uns eher an die große Distanz mit 39,8 km laufen, 6 km schwimmen und dazu knapp 1 600 hm wagen? Die Distanzen hören sich im ersten Moment für einen ausdauertrainierten Athleten durchaus machbar an. doch ein Ötillö Rennen bedeutet eben nicht nur, diese Kilometer im Laufen und schwimmen abwechselnd zu absolvieren, hinzu kommen Anforderungen, denen man sich sonst in Schwimm-, Lauf- oder Triathlonwettkämpfen nur selten zu stellen hat: Wassertemperaturen von um die 12 Grad, Laufen in einer Höhe von 1.800 Metern über dem Meeresspiegel und die permanenten Wechsel von vertikaler und horizontaler Bewegungsebene unter besagten äußeren Bedingungen. Diese permanenten Wechsel vom Laufen aufs Schwimmen und vom Schwimmen aufs Laufen erfordern eine hohe körperliche Anpassung. Zumal die Wechsel sehr unregelmäßig sind. Die ganze Strecke legt man als 2er Team gemeinsam zurück und darf sich dabei nicht weiter als 10 Meter voneinander entfernen. An Land kein Problem, doch wie wird das wohl im Wasser funktionieren?

Aber genau das ist es, was ein Ötillö Rennen ausmacht und da es für mich selbst der erste Wettkampf mit diesem Rennformat sein sollte, vertraute ich auf Meikes Erfahrungen aus dem letzen Jahr und wir entschieden uns für die Sprintdistanz. Im Nachhinein die richtige Entscheidung. Dazu aber später mehr.

Laufen am schönen Silvaplanasee

Unsere SwimRun-Vorbereitung

Der erste Kontakt mit diesem Rennformat fand bei mir in der Vorbereitung auf das Rennen im Engadin eigentlich vorwiegend im Kopf statt. Wirklich vorstellen konnte ich mir im Vorfeld allerdings nicht, wie es ist, mit Schuhen zu schwimmen, dazu noch einen Pullbuoy zwischen den Beinen, um eine gute Wasserlage halten zu können oder dann mit Neoprenanzug durch die Engadiner Bergwelt zu rennen. Viele Strecken, Bergpfade und Kilometer hatte ich bis dato im Engadin in den letzten Jahren bereits zurückgelegt sei es in Laufschuhen, beim Wandern, auf dem Bike oder auf Langlaufskiern – und so musste ich bei dem Gedanken daran, diese Wege im Neopren und mit Bademütze auf dem Kopf zurückzulegen, etwas schmunzeln.

Meike und ich hatten im Vorfeld nicht zusammen trainiert, aber das sollte sicher kein Problem darstellen – wir waren optimistisch und sicher, dass wir ein gutes Team bilden würden und aufeinander zählen könnten. Schließlich ging es uns um den Spaß bei der ganzen Sache und darum, eine neue Sportart kennenzulernen. So ganz reibungslos lief der Check-In  dann erstmal doch nicht ab. Das Reglement schreibt unter anderem eine Pfeife vor, die jeder Athlet für einen Notfall dabei haben muss und ein First Aid Paket – wasserdicht verpackt, versteht sich. Beides hatten wir vergessenund so mussten wir diese Utensilien kurzerhand noch besorgen. Ganz nach dem Motto „safety first“ waren wir wenige Zeit später mit Trillerpfeifen ausgestattet, was durchaus Sinn macht bei diesen kalten Wassertemperaturen – schließlich weiß man nie, wie man auf die Kälte unter körperlicher Anstrengung reagiert.

Wir einigten uns noch schnell darauf, dass wir beim Schwimmen schauen, wie es zusammen geht und beim laufen die „Langsamere“ das Tempo vorgibt. Ausgestattet waren wir zusätzlich mit einem Pullbuoy, dass wir uns mit einem Startnummernband um ein Bein schnallten. Auf Paddels oder eine zusätzliche Verbindungsleine zwischen uns – was durchaus erlaubt ist – verzichtet wir.

 

Unser SwimRun-Equipment für den Ötillö Engadin

 

Eindrücke vom Ötillö SwimRun Engadin

Da standen wir nun im Startbereich im Neo und Socken und Trailschuhen an den Füssen, Bademütze und Schwimmbrille auf dem Kopf montiert, Pullbuoy um den Oberschenkel gebunden, Trillerpfeife am Reißverschluss für den Fall der Fälle und ab ging die Post.

500 m einlaufen, dann geht es schon in den 12 Grad kalten Silvaplanersee. Kurzes Aufjapsen als das Wasser den Neo durchfliesst, orientieren, wo ist Meike und schon geht es weiter. Doch irgendwie ist das losschwimmen schwieriger als gedacht und ich brauche ein paar Meter, um einen Rhythmus zu finden. Irgendwie fühlt sich das alles sehr komisch an: das kalte Wasser schwimmt sich noch nicht so wie gewünscht und durch den Pullbuoy habe ich das Gefühl, zu viel Auftrieb zu haben. Zumindest fühlen sich meine Füsse so an, als würden sie sich irgendwo oberhalb der Wasseroberfläche befinden. Meike scheint besser ins Schwimmen reinzukommen und so versuche ich mich, an ihre Füsse zu haften. Die erste Schwimmstrecke ist die kürzeste – worüber ich auch recht froh bin. Dann der Ausstieg aus dem See: vom Triathlon her weiss ich, wie es sich anfühlt nach dem Schwimmen in die Wechselzone zu rennen – doch der Wechsel vom kalten See auf die zweite Laufstrecke fühlt sich extrem lustig an: man torkelt an Land, die Beine lassen sich nicht wirklich koordinieren und der Kopf braucht ein paar Minuten, um sich zu sammeln. Zum Glück geht es bei beim Ausstieg recht gemächlich und weniger hektisch zu, als ich das vom Triathlon her gewohnt bin. Pullbuoy auf die Seite schieben und weiter geht’s an Land. Nach ein paar Schritten kommen wir in unseren Laufrhythmus, der Puls ist noch recht hoch, Meike ist es kurz übel, aber je mehr Meter wir zurücklegen, umso besser geht es mit dem Laufen.

Das Schwimmen

Die nächsten Schwimmabschnitte waren länger. Als wir das zweite Mal ins Wasser steigen, komme ich schon besser zurecht. Es geht zurück Richtung Silvaplana. Fast hätten wir eine rechts zu umschwimmende Boje übersehen, doch im letzten Moment reagierte Meike noch auf mein Winken und Rufen, ohne dass wir extra Meter in Kauf nehmen mussten. Das Schwimmen harmonierte gut – Meike schwamm voraus und blickte immer wieder zurück, damit wir uns nicht verlieren. Schwimmen beim Ötillö ist nicht wie das Schwimmen beim Triathlon – so hatte ich mich zwischenzeitlich in einer Leine eines Männerteams verfangen und kam mir vor wie ein zappelnder, aus einem Netz sich befreiender Fisch. Immer noch kämpfe ich auch mit der Kälte – noch fühlt sich das Schwimmen nicht vertraut an. Zwar merkt man die Schuhe an den Füssen kaum und man hat fast das Gefühl, man habe dadurch nicht so kalt, was ich aber deutlich merkte, waren die müden Arme – vielleicht hätte ich doch mehr mit Pullbuoy trainieren sollen?! Durch die kalten Finger habe ich Mühe mit dem Wasserfassen und die Strecken kommen mir zwischendurch vor, als würden sie nicht enden wollen. Vorallem beim vierten und letzten Schwimmen hatte ich das Gefühl, nur noch im Wasser zu stehen. Der letzte Schwimmabschnitt war  mental der schwierigste. Das Ufer wollte und wollte nicht näher kommen. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte ich dann aber wieder Ufersteine unter meinen Füssen. Am meisten froh war ich über Meike’s Füsse – durch die Kälte hatte ich doch recht Mühe mit der Orientierung. Durch die Bergseen zu schwimmen war toll, brutal anstrengend und auch ein wenig strange – immer wieder kam mir der Gedanke, dass ich im Winter hier schon etliche Male über die zugefrorenen Seen geskatet war und nun schwamm ich durch dieses klare, kalte Bergwasser. Verrückt.

Gar nicht so einfach, aus dem kalten Wasser wieder rauszukommen.

Die Wechsel

Die Übergänge vom Laufen aufs Schwimmen waren wider erwarten gut – das kalte Wasser machte einem nichts mehr aus, teilweise waren wir sogar froh, nach den längeren Laufabschnitten, wieder ins Wasser zu dürfen. Interessanter war der Wechsel vom Schwimmen aufs Laufen: Boden unter den Füssen spüren, auf die Füsse stehen – bis dahin kein Problem. Dann den Oberkörper aufrichten, torkeln, taumeln, der Kopf völlig im Delirium, Desorientierung, …. die ersten Schritte an Land, versuchen, sich zu sammeln, erste lockere Laufschritte. Die Füsse waren durch die Kälte, nicht wirklich zu spüren und die Beine fühlten sich wie Pudding an. Fast unvorstellbar zu laufen, und dann auch noch bergauf?!? Doch es ist immer wieder beeindruckend wie der Körper in Extremsituationen reagiert und das gewohnte Programm in der Lage ist abzurufen. Einen Schritt vor den anderen setzen, langsam geht das japsen in atmen über, der Kopf kommt zu sich und wird klarer. Geschafft, weiter geht’s.

Auch Trails gab es einige … ein schöne, wenn auch anstrengende Sache.

Das Laufen

Nach dem ersten Kilometer fühlten sich die unkoordinierten Bewegungen wieder nach Laufen an. Das Laufen in dieser wunderschönen Landschaft ist einfach toll und macht so viel Spaß. Zwischenzeitlich vergass ich, dass ich im Neopren lief und auf meinem Kopf eine Bademütze und Schwimmbrille trug. Da die Aussentemperaturen noch nicht so warm waren und die Sonne sich noch großteils hinter den Wolken versteckte, wurde es nicht zu heiß im Neopren und er störte absolut nicht. Lustig ausgesehen haben muss es schon – so erhaschten wir den ein oder anderen erstaunten Blick von entgegenkommenden Wanderern. Auch ich musste zwischenzeitlich immer wieder schmunzeln. Verrückte Sache! Noch verrückter wurde es, als wir nach dem letzten Schwimmen erfuhren, dass wir bei den Damenteams an erster Stelle lagen. Etwas verdutzt sahen wir uns an – bis dato befanden wir uns mit zwei anderen Frauenteams auf der Strecke immer wieder im gegenseitigen Überholmanövern – und wir waren uns sicher, dass mindestens ein Team vor uns liegen müsste. Umso überraschender kam die Nachricht, dass wir vorne lagen. Bis zum Ziel waren es noch rund zwei Kilometer und wir merkten inzwischen die bereits zurückgelegten Kilometer in Kälte, Höhe und Wind. Nun hiess es noch mal Zähne zusammenbeissen und uns gegenseitig zu unterstützen. Wir gaben alles. Meike wuchs über sich hinaus und auf den letzen 500 Metern wussten wir, es würde reichen. Der Zieleinlauf war sehr emotional und zum Geniessen – schliesslich wird man nicht oft als „winner of the goldmedal“ angekündigt – und von dem Moment, einen Zielbanner in die Höhe zu reissen, hatte ich schon immer geträumt. Heute durfte er wahr werden. Wir waren völlig überwältig, happy und immer noch ein wenig verwirrt, dass wir den Sprint tatsächlich gewonnen hatten.

Zu den Ergebnissen

Mehr Infos

Unsere Empfehlung: einfach Ausprobieren und mit einer Sprintdistanz anfangen. Aber Vorsicht: Suchtgefahr.

 

Text: Rabea Vögtle
Fotos: Holger Schmidt